Notunterkünfte

Schulstraße 12/14, 44866 Bochum

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denkmalgeschütztes Objekt

1930

Moderne

Städt. Hochbauamt

Stadt Wattenscheid

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Notunterkünfte

Nachdem Bochum – wie so viele Städte im Ruhrgebiet – seit dem 19. Jahrhundert einen rasches Wachstum der Wirtschaft, der Bevölkerung und somit auch des Stadtgebiets erlebt hatte, wurden die 1920er Jahre zu einer Herausforderung. Die Besetzung durch die Franzosen währte von 1923 bis 1925 und bedeutete nicht nur den Verlust der Souveränität, sondern auch weitere wirtschaftliche Einbußen. Die Inflation, die bis zum Ende der 1920er Jahre die gesamte Republik betraf, und schließlich die Weltwirtschaftskrise beutelten die Bevölkerung und ganz besonders die ärmeren Schichten. Mit der Massenarbeitslosigkeit, die 1930 bereits über 15% betrug, ging akute Wohnungsnot einher. Die arbeitslosen Familien waren vielerorts gezwungen ihre Wohnungen zu verlassen, da sie die Mieten nicht mehr zahlen konnten. Viele Kommunen versuchten mit Notunterkünften gegenzusteuern. Die Häuser in der Schulstraße in Bochum-Wattenscheid, das damals noch nicht zu Bochum gehörte, waren eine städtische Maßnahme. Schnelles Handeln war gefordert, was sich durch unkomplizierte Bauten mit einem möglichst effizienten Wohnraumangebot erfüllen ließ. Drei baugleiche zweigeschossige Querriegel boten Platz für jeweils zehn Wohnungen: sechs Kleinstwohnungen im Erdgeschoss und vier etwas größere Wohnungen im Obergeschoss. Auf der Eingangsseite der Häuser verläuft im Erd- und Obergeschoss ein Laubengang, der einen geschützten Zugang zu den Wohnungen ermöglicht. Die Bauweise mit Stahlbeton erlaubte es die Laubengänge frei von schweren Stützpfeilern zu gestalten. Stattdessen vermitteln schlanke Eisenstreben eine Leichtigkeit, die in ihrer formalen Gestaltung bereits an Architekturen der Nachkriegszeit erinnern.

Bei der Gestaltung der Häuser spielten den Städtischen Behörden die neuen Entwicklungen im Bauen in die Hände: das Bauhaus in Dessau machte gerade vor, dass eine rationalisierte Architektur bezüglich der Ästhetik, der Bautechnik und der Einteilung von Wohnräumen gelingen konnte. Wenige Jahre zuvor war in Dessau-Törten eine Siedlung entstanden, die den Geringverdienenden eine erschwingliche Bleibe sichern sollte. Und auch wenn die drei Häuserzeilen in der Schulstraße optisch nur wenig mit Gropius' Dessauer Siedlung gemein hatten, so strebten sie dennoch einen Baustil an, der sich zudem auch positiv auf den Wohnstandard auswirken sollte. Während um die Jahrhundertwende noch enge Häuserblöcke mit dunklen Hinterhöfen und gemeinschaftlich genutzten Aborten die Antwort auf die Wohnungsnot der Industrialisierung und des immensen Städtewachstums waren, so wurde im Zuge des Neuen Bauens eine Architektur erprobt, die durch gelockerte Zeilenbebauung Luft und Licht in die Wohnungen brachte. Eine jede der Wohnungen in der Schulstraße verfügte über ein eigenes WC. Im Keller befanden sich Gemeinschaftswaschküchen und auf den Freiflächen zwischen den Häusern konnten Nutzgärten angelegt werden.

Der heutige Anblick der verbliebenen zwei Gebäude in der Schulstraße erfordert einiges an Phantasie um den ursprünglichen Eindruck zu visualisieren. Die Fassade ist etwas verschmutzt, die Fenster sind verbrettert, in den Gehwegfugen wuchert das Unkraut. Doch eine rechtzeitige Unterschutzstellung der verbleibenden Gebäude ist ein wichtiger und erster Schritt zur Rettung der Häuser. Das Beispiel der Bauhaus-Siedlung Schlieper in Iserlohn ist gleichwohl ein hoffnungsstiftendes Beispiel, dass auch die Häuser in der Schulstraße eines Tages wieder bewohnt werden. Schließlich hat sich eines gezeigt: die Gestaltungsideen der 20er Jahre sind zeitlos, die Baukonstruktion zumeist überaus solide. In Zeiten, in denen das Wort Nachhaltigkeit in aller Munde ist, könnte auch hier in Bochum demonstriert werden, dass vorhandene Strukturen wiederbelebt werden können zugunsten von Wohnungssuchenden und Architekturliebhabern, die in den Häusern der Schulstraße eine besondere Form von qualitätvollem Wohnungsbau aus Zeiten großer wirtschaftlicher Not vorfinden.

Autor: Dr. Viviane Taubert, Dr. Stephan Strauß (Strauß Fischer Historische Bauwerke, Krefeld/Bremen), im Auftrag der LWL-DLBW
Zuletzt geändert am 27.05.2019

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Kategorien:
Architektur » Wohnbauten » Mehrfamilienhäuser/Wohnsiedlungen

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